Geben und Nehmen

Das Leben besteht aus Geben und Nehmen. Beides muss gelernt sein. Ich frage mich manchmal, was macht gutes Geben aus und was gutes Nehmen. Das Ideal, völlig erwartungsfrei und absichtslos geben zu können, ist das wirklich möglich oder verfolgt jeder andauernd Eigeninteressen? Ist altruistisches Verhalten eigentlich egoistisch, weil sich der Geber selbst nach der guten Tat besser fühlt, eine Freundschaft bestärkt hat, vielleicht auch jemanden über folgende Schuldgefühle „gefügig“ gemacht hat oder etwas anderes für seine Tat erhalten hat?
Genau weiß ich das selbst nicht, aber ich möchte gerne einige meiner Gedanken zu diesem Thema mit Euch teilen und zur Diskussion stellen.

Anfangen möchte ich mit dem Nehmen. Menschen scheinen mir je nach Situation und Gewohnheit u.a. auf folgende Weisen von anderen zu nehmen:

  1. ungern fast ablehnend, mit dem Gefühl durch das Nehmen eine Schuld auf sich zu laden, die unbedingt abgetragen werden muss,
  2. fordernd, mit dem Gefühl, dass das was genommen wird einem ohnehin zusteht,
  3. gedankenlos, mit dem Gefühl, dass der andere schon sagen wird, wenn er dafür etwas haben möchte,
  4. achtsam, mit dem Gefühl, durch das Nehmen etwas Wertvolles zu erhalten und die Wertschätzung dem Gebenden gegenüber ausdrücken zu wollen.

Wie sieht es nun mit dem Geben aus? Mir fallen auf Anhieb folgende Möglichkeiten ein:

  1. ungern, im Kopf immer das Gefühl, das Geben wird von einem erwartet,
  2. fordernd, mit dem Hintergedanken, wenn ich Dir das jetzt geben, dann bekomme ich bestimmt etwas dafür,
  3. gedankenlos, mit dem Gedanken, dass man zwar gibt, aber eher etwas los werden will, als denn jemandem eine Freude zu machen,
  4. achtsam, ohne dass man sich genötigt fühlt; ohne mit Absicht, etwas dafür erhalten zu wollen sondern etwas geben mit dem Gefühl, dass es genau das Richtige für den Beschenkten ist.

Sicher gibt es da noch mehr Möglichkeiten, wie Nehmen oder auch Geben motiviert und gefühlt sein kann. Letztlich erheblich scheint mir aber zu sein, mal zu überlegen, wie die verschiedenen Motivationen auf mich und mein Gegenüber wirken könnten. Wird etwas ungern gegeben oder genommen, dann fühlen sich sicher beide Seiten dabei nicht wohl. Der eine ärgert sich, dass er sich die Mühe macht und der andere merkt doch, dass er eigentlich kein Geschenk erhält, dass er eigentlich keine Beachtung bekommt sondern nur die Pflicht erfüllt wird.
Geschieht es fordernd, ist möglicherweise eine Seite von beiden enttäuscht, weil die Reaktion des Partners ganz anders ist, als erwartet. Vielleicht wird der Schenkende und impliziet Fordernde sogar wütend auf den Partner? „Wenn ich ihm das schenke, dann werden wir wohl am Wochenende ins Kino gehen.“ Was wenn etwas dazwischen kommt oder der eigentlich Beschenkte dann doch lieber nicht ins Kino möchte? Entsteht nicht der Gedanke: Der ist es doch gar nicht wert, dass ich mir solche Mühe mache, dem schenke ich nie wieder was!
Geschieht etwas gedankenlos, nimmt der Agierende hin, dass sich der Partner nicht wohl fühlen könnte, das ist weder für den Agierenden schön noch für den Partner. Das passiert vielleicht bei Urlaubsmitbringseln. Eigentlich möchte man ja was mitbringen, aber zum Aussuchen hat man keine Lust, also nimmt man schnell irgendetwas. Der Gebende hat in diesem Fall keine Freude beim Aussuchen gehabt und der Nehmende bekommt möglicherweise etwas, was ihn nicht wirklich erfreut, fühlt sich aber genötigt danke zu sagen. Am Ende ist das doch für beide doof oder?
Ist das alles anders, wenn etwas achtsam geschieht? Wenn ich mich an die letzte Situation erinnere, in der ich wirklich fähig war, etwas zu geben ohne Absicht, ohne Forderung, ausschließlich mit dem Bestreben, jemandem eine Freude machen zu wollen, dann hat sich das ausnahmslos gut angefühlt. Auch etwas auf diese Weise zu bekommen, war ein wahres Geschenk. Ich habe mich dann weder genötigt gefühlt, etwas zurückzugeben, fühlte ich auch nicht in meinen Bedürfnissen missachtet, sondern es war einfach nur schön. Bekommt man so etwas wertvolles, reicht es im Ürigen, wie ich denke, einfach aus, dem Gebenden das Gefühl zu geben, dass er etwas gutes getan hat. Das muss, so meine ich, kein großer Dank sein, es reicht, mit ihm die Freude zu teilen, die man durch die Gabe empfindet. Habe ich z.B. am Nachmittag etwas Zeit und backe aus Freude einen leckeren Kuchen für die Familie, reicht es mir, sie einfach fröhlich schmatzend am Tisch zu sehen, es muss sich niemand bedanken, sich niemand genötigt fühlen, den Tisch abzuräumen, sondern es reicht doch, wenn nur einer sagt, dass es ihm schmeckt. Oder?
Wäre es nicht schöner, wenn wir nur so geben und nehmen könnten?

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