Schutzburg oder Entschlossenheit zum Kampf?

Es gibt Menschen, denen ich begegne, da habe ich das Gefühl, auf allen inneren Schutz verzichten zu können, weil ich ihnen abgrundtief vertrauen kann. Ich kann mich zeigen, wie ich bin, kann raus lassen, was mich gerade bewegt, kann ihnen ungefiltert sagen, wie ich wirklich empfinde. Das ist mir sehr angenehm und ungeheuer wertvoll, denn es ist selten. Und dann gibt es Menschen, bei denen kann ich das nicht, ich habe das Gefühl mich schützen zu müssen, überlege genau, was ich sage, wie viel ich von mir preisgebe und lasse im Extremfall am liebsten erst gar keinen Kontakt zu. Das fühlt sich manchmal an, als würde ich mich selbst in ein Gefängnis sperren. Aber ist das Einmauern und Verschließen wirklich notwendig? Was kann mir eigentlich passieren? Wovor habe ich Angst? Was, wenn ich mich immer so zeigen könnten, wie ich bin ohne Wenn und Aber?Alles fing für mich damit an, dass ich gewagt habe, mit jemandem eines meiner tiefsten und schwärzesten Geheimnisse zu teilen. Etwas, dass ich fast vor mir selbst verdrängt und weggeschlossen hatte. Im ersten Moment dachte ich, mein Freund würde nun in mir nie wieder den Menschen sehen können, der ich vorher für ihn war, er würde den Abgrund erkennen, vor dem ich mich selbst wähnte und die gleiche Abneigung dagegen empfinden wie ich. Ich war mir in einem kurzen Moment noch nicht mal sicher, was mit unserer Freundschaft passieren würde. Aber, ich hatte wohl den richtigen Menschen dafür gewählt, denn es passierte nichts. Jedenfalls nichts Schlimmes. Mein Freund reagierte in einer etwas unverwarteten Weise aber im Nachhinein wüßte ich nicht, was er hätte besser machen können. Ich bekam einen Denkanstoß, einen Rat, den ich immer noch in meinem Herzen trage, der mir geholfen hat, alles aus einer anderen Perspektive zu sehen und nach vielen Jahren die Verarbeitung des Problems wieder neu anzugehen. Aber mindestens genau so wichtig war und ist, dass ich nie das Gefühl hatte und habe, dass er diesem Abgrund so viel Bedeutung beigemessen hat, wie ich, für mich fühlte und fühlt es sich so an, als blieb ich einfach der Mensch, den er kennen gelernt hatte. Mit etwas Abstand würde ich sagen: Eigentlich klar oder? So, wie ich heute bin, bin ich doch gerade durch meine ganzen Erfahrungen und Erlebnisse mit allen positiven wie negativen Aspekten. Wenn es nun Menschen gibt, die dieses Produkt, also mich mögen, so wie ich bin, die mit mir eine Familie gegründet haben oder als Freundin oder Freund mit mir durch Dick und Dünn gehen, dann heißt es doch auch, dass es Menschen gibt, die mich einfach so wertschätzen, weil ich so bin, wie ich bin. Deshalb begann ich zu überlegen, warum ich dann selbst über mich ein härters Urteil fälle, als es offensichtlich andere Menschen tun. Ich überlegte, was passieren würde, wenn mir ein lieber Mensch etwas deartiges mitteilen würde, ich würde ihn vielleicht in den Arm nehmen, ihm etwas schreiben, ihn anrufen, aber verachten, oder ihm gar die Freundschaft kündigen, würde ich niemals. Warum auch? Was war es dann, dass mir so zu schaffen machte?
Ich denke, ich habe einen grandiosen Fehler gemacht. Ich habe mir, weil ich mich dessen schämte, verboten, Hass zu empfinden, Wut, oder auch Angst, weil ich immer ein guter Mensch sein wollte. Aber es gibt Situationen, in denen ist jeder wütend, hasst jemanden oder hat unsägliche Angst. Die Frage ist ja auch nicht, ob wir so empfinden, auch wenn die Wut mal die liebsten Menschen trifft, die wir kennen, die Frage ist, wie gehen wir damit um, wenn es passiert? Ich kann aus lauter Wut jemanden schlagen, ich kann aber auch den Raum verlassen, mich abkühlen und zurückkommen und das Gespräch fortsetzen. Deshalb meine ich, es ist nicht die Emotion selbst, die Schlechtes verursacht, sondern unsere Reaktion darauf. Durch diese These bestärkt, habe ich angefangen, meinen verdrängten Teil,  vorsichtig zuzulassen. Ich wollte niemandem schaden, aber bleiben, wie es war ging ja auch nicht. Um alles vorsichtig angehen zu lassen, habe ich Achtsamkeitsübungen zur Hilfe genommen, um relativ detailiert zu reflektieren: Täglich mehrmals aufschreiben, was ich gerade empfinde, was ich mache, was ich gerade möchte etc. Ja, was empfinde ich denn gerade? Warum eigentlich? Hat sich einer von Euch schon mal gefragt, warum er wirklich etwas empfindet? Welche Einzelaspekte hat eine Angst? Welche Einzelaspekte die Wut? Entsteht die Wut, weil jemand meine Erwartungen nicht erfüllt, weil ich selbst etwas nicht schnell genug hinbekomme, weil ich den falschen Ansatz gewählt habe? Gehe ich mit meinem Kind zum Arzt, habe ich Angst, dass der Arzt mit mir schimpft, ich hätte etwas falsch gemacht oder habe ich Angst, dass er nicht weiß, wie er mein Kind behandeln soll? Das sind alles recht abstrakte Beispiele, aber ich meine es lohnt sich, darüber nachzudenken. Ich habe angefangen, meine Emotionen zu ergründen, sie aufzuspalten auf verschiedene Ursachen. Danach ist die Emotion nicht mehr so abstrakt, sonndern ich kann die Einzelteile bearbeiten und auf Relevanz prüfen, oft erlebte und erlebe ich, dass die aufgefluselten Ursachen einer Emotion gar nicht mehr so bedrohlich oder stark wirken, wie das ganze Paket. Oft kann ich dann sagen, naja, die Ursache ist doch Quatsch, das ist einfach zu regelen, ja und das, naja, das ist kein Risiko, na und da, wird mein Partner wohl einen Fehler gemacht haben, das war nicht Absicht, darüber reden wir heute Abend und dann ist gut. Im Ergebnis wiegt das Gesamtpaket an Emotionen dann nicht mehr so schwer und ich habe auch gleich Lösungsmöglichkeiten an der Hand. Das ist was ganz wunderbares. Es gleicht einem Zurücktreten, einem Sackenlassen und einer Möglichkeit die Emotionen gehen lassen zu können. Im Moment handhabe ich das mit den Emotionen so, dass ich versuche sie als Warnung wahrnehme: Hey, hier läuft was schief, vorsicht, jetzt wird es gefährlich, oder auch hier ist was besonders schön, achte darauf, das bewegt Dich. Dann versuche ich etwas Abstand zu nehmen, bewerte und handle. Das ist in meinen Augen auch bei gemein hin als positiv bewerteten Gefühlen so. Wenn jemand im Überschwang des Glücks, jemand anderen nervt, ist das auch nicht die richtige Reaktion auf die Emotion oder?
Je mehr ich alles in meinem Herzen bewegte um so mehr lernte ich alles einfach zu aktzeptieren, mich und meine Reaktionen eingeschlossen. Ich fühlte mich erleichtert, als ich erkannte, dass meine ganzen negativen Gefühle, wie Wut, Hass, Angst in den entsprechenden Situationen, die mir auf der Seele brannten, immer richtig waren, dass mir das auch niemand absprechen darf. Ich fühle, was ich fühle, wie jeder von uns. Wer kann denn darüber urteilen? Ich bin eben wütend, weil irgendwas mich wütend macht. Wenn ich mit dieser Wut niemanden verletze, sondern es schaffe zu sagen: „Man bin ich wütend auf Dich, wir müssen da was klären“, dann hat mir die Wut doch echt auf die Sprünge geholfen?
Wenn ich nun meine Gefühle nicht mehr zu verachten brauche, nicht mehr unterdrücken und mich derer schämen muss, sondern mir eine Analyse der Emotionen und Situationen weiter hilft, was gibt es dann eigentlich noch hinter irgendwelchen Mauern zu verbergen? Kann ich micht nicht vielleicht immer trauen, mich einfach so zu zeigen, wie ich bin? Also warum nicht ohne Mauern da stehen? Habe ich dann tatsächlich vorsichtig probiert und es fühlt sich am Anfang ganz schön nackt an. Ich fühlte mich angreifbar und schutzlos. Zuzulassen, so zu sein, wie ich bin, ohne z.B. darum besorgt zu sein, wie andere über einen denken, ist gar nicht so einfach. Anderen meine Fehler zu zeigen und die Stellen, an denen ich angreifbar bin, auch nicht. Aber es ist auch sehr befreiend. Keine dauernden Gedanken, ist das jetzt richtig, darf ich so sein, mache ich das richtig? Aber so ganz offen, fühlte ich mich auch verwundbarer möglichen Angriffen gegenüber. Deshalb fing ich an, mich damit zu beschäftigen, wie mich andere verltzen können oder mich dazu bekommen, etwas zu tun oder zu lassen. Viele Menschen versuchen Macht über einen zu gewinnen. Sei es die Werbung mit ihren Versprechen, sei es ein Hilfsbedürftiger, der einen flehentlich ansieht, ob man nicht doch noch eine Stunde länger bleiben kann, obwohl man schon vor über einer Stunde gehen wollte und eigentlich alles Notwendige getan ist, die Mama die ihre Sorge um ihr Kind so stark ausdrückt, dass sie schon sagt: Kind, denk daran, wie werde ich mich fühlen, wenn Dir etwas passiert. Die Liste ist endlos. Oft versuchen Menschen, andere dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollen. Hier muss man sich um seiner selbst willen abgrenzen. Steht man nun ohne Mauern da, muss man deshalb bereit sein, für seine Freiheit zu kämpfen und sich ständig darüber bewußt sein: Was will ich selbst eigentlich, was tut mir gut? Warum helfe ich jemandem? Warum kaufe ich etwas? Bin ich wirklich für die Gefühle von jemand anderem verantwortlich, wenn er sich schlecht fühlt, weil ich etwas tue oder lasse? Wie würden Sie z.B. reagieren, wenn die beste Freundin am Freitag Nachmittag anruft und sagt, sie möchte heute doch lieber nicht ausgehen, sie hat die ganze Woche so lange arbeiten müssen, sie hat Kopfschmerzen und mag lieber ins Bett? Wenn Sie überzeugt davon sind, dass es die Wahrheit ist? Ich denke, Sie würden Ihr eine gute Nacht wünschen und das Treffen vertagen oder? Vielleicht würden Sie noch fragen, ob Sie etwas rum bringen können oder? Aber warum um himmels Willen, fühlt man sich dann bei einigen Leuten schlecht, wenn man ihnen sagt, heute geht es mir nicht gut, ich möchte Dich ein anderes Mal besuchen? Weil es vielleicht nicht die rücksichtsvollen Menschen sind, die uns unsere Gefühle und Wünsche lassen und aktzeptieren sondern die, die ihre eigenen Wünsche in den Mittelpunkt stellen und nicht achtsam mit uns umgehen? Warum lassen wir uns das eigentlich gefallen? Ich kann doch von jedem verlangen, dass er mich achtet, wie ich ihn oder? Ich würde doch auch von niemandem erwarten, dass er etwas tut, dass ihm schadet.
Deshalb müssen wir genau an dieser Stelle bereit sein für uns selbst zu kämpfen, die Achtung einzufordern.  Mich ganz offen zu zeigen, bietet halt Angriffsfläche. Aber die Freiheit, so sein zu können, wie ich mich fühle, grundehrlich zu sein mit mir und mit anderen, möchte ich nicht aufgeben, weil es Menschen gibt, die das versuchen auszunutzen. Für solche Menschen bin ich ohnehin egal. Was schert mich dann ihr Urteil, warum lasse ich mich von ihnen beeinflussen? Ich muss aufpassen, dass sie mich mit ihrer Art nicht verletzen, mich einengen oder mich zwigen, Dinge zu tun, die mir oder anderen nicht gut tun und dafür bin ich bereit zu kämpfen, mit allem, was ich habe. Das habe ich mir ganz fest vorgenommen. Und bisher klappt das sehr gut. Ich fühle mich wohl so, auch wenn ich mich hin und wieder zusammen reißen muss, um immer wieder den Kampf aufzunehmen, Konsequent meine Meinung zu sagen, Menschen in ihre Schranken zu weisen, wenn sie mir zu nahe treten und mich nicht wieder zurückzuziehen, mich einzuigeln und mir aus Bequemlichkeit eine Mauer zu bauen, um mich zu schützen.

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