Ehrlichkeit und Freiheit

Was hat Ehrlichkeit so viel mit eigener innerlicher Freiheit zu tun?
Ich habe mich vor einiger Zeit mit dem Thema innere Mauern auseinandergesetzt (https://www.marion-sperling.de/?p=53). Dieses Gefühl, ohne Schutzmauern um das eigene Selbst leben zu dürfen, wird mir immer wichtiger, weil es sich nachhaltig gut anfühlt. Deshalb versuche ich weiter in diese Richtung zu arbeiten. Letztens hatte ich ein ernsthaftes Gespräch über Lügen und Ehrlichkeit mit einem lieben Menschen. Lange schien mir, als würden innere Freiheit und Ehrlichkeit zwei an sich ganz unterschiedliche Themen sein, die kein Bezug zueinander haben, aber mir ist etwas ganz Essentielles aufgefallen, jede Lüge, jede Unehrlichkeit, verdammt einen doch zu neuen Mauern, zum Verschließen vor anderen und vor einem selbst. Wird z.B. gelogen, um etwas, was man getan hat, zu verheimlichen, trägt man plötzlich ein Geheimnis in sich, man schafft zusätzlich zu der verschleierten Tatsache eine extrem verwundbare Stelle, denn bekommt der Belogene die Lüge raus, ist nicht nur das Vergehen aufgedeckt, sondern das Gegenüber erkennt auch, wie unangenehm einem die Wahrheit gewesen ist und wie unwichtig einem eigentlich die Beziehung zu der belogenen Person ist, dass man bereit ist, einen Vertrauensverlust hinzunehmen. Deshalb wird es uns so wichtig, diese Lüge zu verbergen und ich meine, wir fangen an, einen Teil von uns einfach wegzuschließen und einzumauern, am besten so, dass wir selbst diesen Teil gar nicht mehr wahr nehmen.Klar gibt es verschiedene Gründe für eine Lüge. Manchmal möchte man niemanden verletzen, z.B. wenn man auf die Frage: Wie sieht denn mein neues Kleid aus? fälschlicher Weise sagt: Sehr schön, auch wenn man es potthäßlich findet. Manchmal möchte man auch niemanden zu einer falschen Handlung verleiten, wenn man z.B. auf die Frage: Wenn x zur Party kommt, komme ich nicht, weißt Du ob x dabei sein wird?, antwortet: Ich weiß es nicht, obwohl man ganz genau weiß, dass x kommen wollte, aber man will auch nicht Schuld sein, dass am Ende beide nicht kommen, aber auch nicht dass beide kommen und sich am Ende zoffen…
Aber muß das sein? Kann man nicht die Wahrheit sagen und trotzdem niemanden vor den Kopf stoßen oder z.B. Verantwortung für etwas übernehmen, was man eigentlich nicht ändern kann? Ich meine, man kann, es ist eher eine Frage der Formulierung, des eigenen festen Standpunktes und der Ehrlichkeit zu sich und den Mitmenschen. Auf die Frage nach dem Kleid, könnte man doch antworten: Ich finde schön, dass Du Dir so viel Mühe bei der Auswahl gemacht hast, die Farbe steht Dir gut, aber ein runder Ausschnitt und ein etwas längeres Kleid hätte Dir besser gestanden. Oder bei der Frage, ob jemand zur Party kommt oder nicht, kann man nicht sagen: X hat mir letztens erzählt, dass er kommen möchte, aber er sagte auch, er denkt ähnlich wie Du, dass er sich überlegt zu kommen, wenn Du da bist, wie er sich also letztlich entscheiden wird, kann ich Dir deshalb nicht sagen. Beides entspricht der Wahrheit und egal wie sich später die Situationen entwickeln wird, die Wahrheit gesagt zu haben, hat keinerleid Schaden angerichtet, sondern wird eher sogar dankbar angenommen. Auch über eigene Fehler offen zu sprechen, richtet niemals Schaden an, es ermöglicht erst eine offenen Auseinandersetzung mit den Folgen, die Möglichkeit der Wiedergutmachung und des Verzeihens. Und am Ende ist man niemals gezwungen, vor anderen ein Geheimnis zu bewahren und sich im Nachhinein zu verstecken.
Ist das nicht ein Grund, Ehrlichkeit als Möglichkeit der eigenen Freiheit zu begreifen? Es wird dann zwar etwas egoistisch, aber ich meine, selbst das ist egal, weil es am Ende nicht nur einem selbst sondern allen Mitmenschen hilft, zu denen wir statt zu lügen, ehrlich sind.
Wenn man darüber hinaus noch bemüht ist, jederzeit achtsam mit seinen Mitmenschen umzugehen, darauf zu achten, mit Ihnen respektvoll umzugehen, Entscheidungen immer überlegt zu fällen, sollten auch alle Fehler, die trotz aller Bemühungen unvermeidlich sein werden, entschuldbar sein und es immer Möglichkeiten geben, die Fehler wieder gut zu machen. Man wäre dann jederzeit selbst überzeugt, den Fehler nicht mit Absicht oder aus Nachlässigkeit begangen zu haben und könnte diesen sowohl offen vortragen als auch die objektiven Gründe benennen, wie es dazu gekommen ist. Steht man selbst zu seinen Fehlern, ist man in der Regel auch offen genug, einem potentiell Geschädigten, eine Lösung anzubieten bzw. mit ihm eine zu erarbeiten. Findet man dennoch kein Verständnis bzw. Akzeptanz bei dem Geschädigten, liegt das Problem nach meiner aktuellen Auffassung am Geschädigten, weil er nicht in der Lage ist, darauf einzugehen, nach Lösungen zu suchen, sondern nur nach Schuldzuweisung trachtet und Recht haben möchte. Aber wenn das beides wichtiger ist, als ein bestimmtes Ziel zu erreichen, kann das Ziel nicht so wichtig gewesen sein oder?
Mein bisherige Erfahrung mit dem Achten auf Ehrlichkeit bei mir und meinem Umfeld hat mich eher positiv bestärkt.
Ich mochte Lügen, hinter dem Rücken agieren, andere Verarschen noch nie! Allerdings hatte ich oft das Gefühl, Menschen, die das tun, würden dadurch Dinge erreichen, die mit reiner Ehrlichkeit nicht zu erreichen sind. Nach meiner jetzigen Auffassung, ist der Preis dafür aber, den inneren Frieden zu verlieren und Mauern um sein Herz zu bauen. Ist das nicht ein herber Verlust? Kann dieser Verlust überhaupt durch irgendetwas aufgewogen werden? Wenn wir Teile von uns wegschließen, verlieren wir uns dann nicht selbst?

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